Wer mich so nicht mag, verdient mich auch nicht anders
- André Maaß

- 18. Feb. 2022
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Feb. 2022

Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich schon vor Menschen gestanden und gesprochen habe. Das begann, als ich noch ein kleiner Junge war. Mein Onkel hatte eine Sammlung an Schallplatten von Otto Waalkes und ich habe es geliebt, sie mir immer und immer wieder anzuhören. In kurzer Zeit hatte ich mir dadurch ein riesiges Repertoire des ostfriesischen Komikers angeeignet, wobei ich bei vielen Gags gar nicht wusste, was sie zu bedeuten hatten. Ende vom Lied war, dass Klein-André mit seinem bunten Kinder-Campingstuhl im Kreise der Erwachsenen saß und Otto rauf und runter erzählte. Das Rampensau-Gen muss also da schon in mir gesteckt haben. Bei einer Schulaufführung in der Grundschule ging es in einem Weihnachtstheaterstück um die Rollenverteilung. Ich gebe zu, die Traute für eine umfangreiche Rolle hatte ich nicht. Am Ende war ich mit meinem Klassenkameraden Andy zusammen eine Tanne, die den Text "Whuuuuuhuuuu" zu sagen und die Hüften ein wenig im imaginären Wind zu wiegen hatte. Mein Kostüm bestand aus einer künstlichen Tannengirlande, einem grünen Nicki-Pullover und einer dunkelgrünen Strumpfhose. Wenn ich mich heute in Gedanken so betrachte, war ich eine ganz schöne Netzhautpeitsche. Im Fortlauf meines Lebens war es dann der DJ-Job, der mich so viele Jahre immer wieder auf Bühnen gebracht hat. Nicht zuletzt bin ich heute als Vortragsredner und Trainer in einem Beruf gelandet, der mich jeden Tag vor Menschen führt, zu denen ich spreche. Vielleicht sollte ich, um der alten Zeiten willen, mal wieder einen Gag von Otto mit einbauen.
Früher hätte ich mir das nie vorstellen können
Obwohl ich damals schon einen gewissen Unterhaltungswert hatte, war es aber nicht selbstverständlich für mich, das einfach so zu tun. Ich war nämlich eigentlich total verunsichert und hatte wenig Selbstbewusstsein. Klar, als Kind ist das ja auch kein Wunder. Zwar ist man da mit einem guten Stück Ego ausgestattet, aber das relativiert sich schnell, sobald man in die Pubertät kommt. Da war dann nämlich schon nichts mehr von dieser inneren Selbstverständlichkeit übrig, die ich als Kind auf meinem Campingstuhl noch hatte. Wenn man mich als Teenager gefragt hätte, ob ich mir mal vorstellen könnte, jeden Tag vor Menschen zu stehen und zu ihnen zu sprechen, hätte ich aller Wahrscheinlichkeit nach schallend gelacht und wäre wieder rot angelaufen. Nie im Leben wäre ich damals auf die Idee gekommen. Heute bin ich mir über eines sehr sicher. Mein fehlender Glaube an mich hatte seine Ursache darin, dass ich nicht so akzeptiert wurde, wie ich war. Irgendwie war da immer dieser Druck, anderen gefallen zu müssen, damit ich mit dazugehörte. Dabei fällt mir ein banales, aber aussagekräftiges Beispiel ein. Ich besuchte einen Jungen aus meiner vierten Grundschulklasse, der schräg gegenüber von uns wohnte. An seiner Zimmertür hing ein selbstgekritzeltes Schild mit der Überschrift "FC Bayern München Fanclub". Darunter hatten einige Jungs aus meiner Klasse unterschrieben und er fragte mich nun, ob ich das nicht auch tun wolle. Ich zögerte kurz. Einerseits machte ich mir nichts aus Fußball. Das war allein schon deswegen schräg, weil ich Mitglied unserer Dorffußballmannschaft war. Zu blöd für diesen Sport war ich außerdem, aber das wollte ich mir nicht eingestehen. Ich hab letztlich auch das nur mitgemacht, um dabei zu sein und es hat mir nicht mal Spaß gemacht. Andererseits war ich eigentlich, wenn man überhaupt davon sprechen konnte, "Fan" vom HSV. Trotzdem nahm ich den Stift und setzte meinen Namen auch auf die Liste. Ich wollte einfach nicht abseitsstehen. Schönes Wortspiel an der Stelle.
Für alles gibt es eine tief sitzende Wurzel
Echt bekloppt, wenn ich heute so darüber nachdenke. Aber ich hatte regelrecht Angst davor, von den anderen nicht gemocht zu werden und am Ende keine Freunde zu haben. Diese Denke saß sehr tief bei mir, denn ich hatte sie von klein auf so gelernt. Wenn ich mich nur richtig und zur Zufriedenheit aller verhalte, werde ich geliebt. Das kam vor allem von meinem Vater und meinen Großeltern väterlicherseits. Sie machten mir auf sehr subtile Art deutlich, wie ich mich zu benehmen hatte, um in ihren Augen richtig zu sein. Das Kinderhirn lernt auch in diesem Punkt sehr schnell, wie man sich Ärger vom Hals hält und Verhalten zeigt, das dem Wertesystem von Vater, Oma und Opa entspricht. Meine liebe Omi mütterlicherseits war da ganz anders. Sie hat mich Zeit ihres Lebens so akzeptiert und geliebt, wie ich bin. Ebenso wie meine Mutter das bis heute tut. Verstellen muss ich mich bei ihr nie. Warum mein Vater mir gegenüber so war, ist mir inzwischen klar. Mein Großvater hat sich ihm gegenüber genauso verhalten. Nichts konnte er dem alten Despoten recht machen. Es war einfach nie genug, egal was er tat. Dieses Verhalten hat er bei mir dann ebenfalls an den Tag gelegt. Am Ende hat sich die Geschichte wiederholt und habe meinerseits alles versucht, die Dinge für ihn richtigzumachen. Bis zum Schluss vergeblich. Aus meinem heutigen Blickwinkel bin ich froh und erleichtert, dass ich die Wurzel dessen, was mich damals beeinflusste, gefunden habe. Nur dadurch konnte ich mein Verhalten, zumindest als Erwachsener, verändern und meine Persönlichkeit weiterentwickeln. 2012, noch mitten im Burn-out, hatte ich einen Entschluss gefasst. Ziel war, wieder glücklich und gut gelaunt zu werden. Die Veränderung in diesem Punkt war dabei tiefgreifend wichtig.
Endlich habe ich mein Standing gefunden
Mir wird ein bisschen schwindelig vom Kopfschütteln, was ich da so viele Jahre habe mit mir machen lassen. Aber wie hätte ich auch den Ausgang finden sollen, wenn ich den Weg nicht einmal sah. In der Situation damals verhielt ich mich, wie es in meinen Augen richtig war. Den größten Teil der Veränderung verdanke ich wieder einmal meiner Frau. Durch sie habe ich überhaupt erst das Selbstvertrauen erfahren, das heute in mir wohnt. Sie hat mir gezeigt, was es bedeutet, meine Energie in meine Stärken zu stecken und meine Fehler zu akzeptieren, weil sie genauso zu mir gehören. In mir ist nicht einfach nur ein Selbstwertgefühl gewachsen, sondern Selbstliebe. Und wer kann das schon von sich behaupten? Ich bin mir bewusst, dass es genug Menschen gibt, die mich nicht mögen. Und das ist vollkommen OK. Ich habe nicht den Anspruch, "everybody's darling" zu sein. Dann ist man nämlich ganz schnell "everybody's Blödmann". Wenn ich von einigen Leuten nicht gemocht werde, ist das weder gut noch schlecht. Es ist eine wertfreie Tatsache, denn sie haben jedes Recht dazu. Ich mag ja auch nicht alle. Folglich erwarte ich das auch nicht von anderen. Ich habe mein Standing gefunden, weil ich meinen Wert entdeckte. Mein inneres Motto lautet: "Ich bin, wie ich bin. Find mich gut oder lass es bleiben. Das ist dein Problem. Mach's nicht zu meinem." Ich bin nicht auf der Welt, um die Erwartungen anderer zu erfüllen. Meine sind mir einfach wichtiger. Viel zu lange habe ich mich von anderen beeinflussen lassen. Sie haben mir ihre Sichtweisen und Werte vorgegeben. War mein Verhalten dann nicht so, wie sie es sich gewünscht haben, entzogen sie mir die Zuneigung. So etwas nenne ich seelische Brandstiftung. Ich bin selbst Schuld daran, dass ich es allzu lange hingenommen habe. Umso mehr genieße ich heute die mentale Freiheit, einfach ich selbst sein zu können. Dafür bin ich zutiefst dankbar.
Fröhlichst
dein André








Kommentare