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Von der Freiheit, seinen Senf nicht dazugeben zu müssen

  • Autorenbild: André Maaß
    André Maaß
  • 29. Aug. 2021
  • 4 Min. Lesezeit


Das ist tatsächlich etwas, was die meisten heute nicht kapieren. Meinungsfreiheit bedeutet, dass man seine Meinung sagen kann, es aber nicht notwendigerweise tun muss. Vor allem, wenn man keine Ahnung hat. Aber genau da steht die Kuh auf sehr dünnem Eis. Nimm irgendein beliebiges Thema, geh auf die Straße (also wenn nicht gerade Corona ist) und frage die Leute nach ihrer Sicht darauf. Man bekommt eine "fundierte" Meinung und on top noch Profitipps, wie man es besser machen kann. Das ist nicht nur zur Fußball-WM so, wenn in Deutschland Millionen von Bundestrainern rumlaufen, die alle wissen, wie es vernünftiger hätte laufen müssen. Als mich mein Arzt im September 2012 auf dem Höhepunkt meines Burn-outs aus dem Verkehr zog, erging es mir ähnlich wie einem Fußballtrainer. Eine große Zahl von Menschen hatte plötzlich Ahnung von meinem Thema und natürlich auch Weisheiten und Ratschläge im Köcher. Die wurden mir dann ungefragt zuteil.


Die "harten Hunde" und die "Verständnisvollen"


Da gab es die Fraktion der "Harten Hunde". Von denen kamen Äußerungen wie:


"Stell dich mal nicht so an, so schlimm kann das nicht sein."

"Ach komm, 'n Beinbruch wäre heftiger. Du hast doch nichts."

"Jetzt bist du auch einer von den Pussys mit Burn-out. Tja, das passiert eben nur den Weicheiern."


Als finalen Tipp hatten sie dann für mich, dass man sich da einfach nur ein bisschen zusammenreißen müsse und dann würde das schon wieder gehen. Würde mein Großvater noch leben, wäre er jemand aus dieser Ecke gewesen. Vermutlich hätte er noch ergänzt, dass es sowas ja früher auch nicht gab. Im Laufe der letzten Jahre habe ich mehrere von diesen knallharten Typen wiedergesehen. Vielen von ihnen war es inzwischen selbst passiert und rate mal, was als Kommentar kam: "Jetzt kann ich erst nachvollziehen, wie es dir damals ging." Eine Entschuldigung habe ich gar nicht erwartet. Die hatten gerade genug mit sich selbst zu tun, was mir wirklich unsagbar leid tat. So einen Mist wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht. Eine weitere Gruppierung nenne ich die "Verständnisvollen". Deutlich vorsichtiger wurden sie von der ehrlich gemeinten Sorge getrieben. Sie wollten helfen, sind aber in der Situation selbst hilflos. Meistens sagten sie so etwas wie: "Ich kann mir vorstellen, wie du dich fühlst." Können sie eben nicht. Wenn man in einem solchen Problem noch nie gesteckt hat, ist es unmöglich nachzuvollziehen, wie es in mir aussieht - zumal es sich bei jedem anders äußert. Sie alle meinen ihre Aussagen nur gut, das steht außer Frage. Nur hilft es nicht. Es ist der verzweifelte Versuch ein Verständnis zu zeigen, das im Grunde gar nicht da ist. Der Geburn-Outete merkt das auch sofort und fühlt sich logischerweise unverstanden. Ich hab mal mitbekommen, wie eine Frau zu einer anderen sagte: "Ich weiß, wie es dir als Mutter geht. Wenn meine Katze krank ist, leide ich auch immer mit." Natürlich leidet man mit, wenn es dem Haustier schlecht geht. Daraus jedoch zu schließen, man wüsste, wie sich eine Mutter fühlt, ist eine dramatisch hirnrissige Falschbewertung der Situation. Es gaukelt zudem ein Verständnis vor, das einfach nicht da ist.


Viele kannten meine Situation nur vom Hörensagen


Da sind unglaublich viele Bereiche im Leben, in denen uns jemand von Dingen erzählen will, die er selbst nur vom Hörensagen kennt. Es gab mal einen Moment, in dem ich mich damals wirklich verstanden gefühlt habe. Das war gar nichts Großes, sondern ein simpler Halbsatz. Dadurch wurde mir aber klar, dass mein Gegenüber das durchlebt hatte, was mir damals gerade widerfuhr. Der Satz war: "...und dann steigst du in dein Auto, machst die Tür zu und auf einmal ist da dieses Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit." Genau das hatte ich damals gefühlt, wenn ich wieder in mein Auto stieg, herumfuhr und bei Musik oder Hörbüchern meinen Gedanken die Leitplanken wegnahm. Hier war ich für mich allein und das tat mir unendlich gut. Durch diesen ausgesprochenen Satz war mir sofort bewusst, dass er weiß, wie ich mich fühle. Er hat es selbst erlebt. Wenn man von so einem Menschen eine Meinung oder sogar einen Tipp bekommt, dann hat es Wert und Gewicht. Er weiß, wovon er redet und genau das bringt mich weiter. Deshalb muss ich immer schmunzeln, wenn ich Leute erlebe, die anderen bei Problemen helfen wollen, die sie selbst nie hatten. Da lassen sich welche zum Nichtraucher-Coach ausbilden, die im Leben noch keine Zigarette in der Hand hatten. Ohne auch nur ansatzweise zu wissen, wie sich ein Raucher fühlt, wenn er seit 2 Stunden nicht rauchen konnte, wollen sie therapieren, helfen und haben tausend gute Ratschläge parat. Mir wollte mal ein sehr junger Bankberater etwas darüber erzählen, wie man zu Wohlstand kommt und sein Kapital schnell wachsen lässt. Auf meine Frage, welches Auto er denn fährt, antwortete er mit einem knappen und verunsicherten "Polo". Meine nächste Frage warum er denn noch nicht wohlhabend und kapitalgefüllt sei - schließlich wisse er ja wie es geht - wurde lediglich mit einem nervösen Schweigen beantwortet.


Nur Menschen mit eigene Erfahrungen sind eine Hilfe


Mein Burn-out war schlimm und hat mir eine Zeit lang wirklich zugesetzt. Es gab eine Menge Menschen, die wirklich versucht haben, mir zu helfen. So gut das auch gemeint war: Ich wollte es nicht - und schon gar nicht von Leuten, die keine Ahnung haben, wie es ist, sich darin zu befinden. Die wenigen Gespräche mit Personen, die selbst etwas Vergleichbares hatten, waren tatsächlich sehr wertvoll für mich. Man begegnet sich auf Augenhöhe. Mein Arzt sagte mir damals mal: "Woher soll ich wissen, was das Richtige für dich ist? Du kennst dich viel besser, als ich es je könnte. Hör in dich hinein und checke, wie du dich fühlst. Dann wirst du auch sehr schnell darauf kommen, was du brauchst. Dabei kann ich dich unterstützen. Ich bin dein Arzt und kann dir auf verschiedene Arten helfen. Aber wieder glücklich zu werden, kannst nur du allein schaffen." Heute bin ich sehr froh, dass ich nicht an einen Typen geraten bin, der statt Medizin auch Maschinenbau hätte studieren können. Er hat nicht gleich mit Medikamenten um sich geworfen, um Symptome zu dämpfen, sondern mir wirklich geholfen. Mit klarem Menschenverstand und einem Wissen, das nur jemand haben konnte, der selbst mal durch so ein Tal gegangen ist. Danke Axel!


Als einer, der mitten drin war, kann ich dir sagen: Mir hat es sehr geholfen, mich mit Leuten auszutauschen, die vergleichbares erlebt haben oder sogar selbst gerade mitmachen müssen. Reden hilft. Anderen, die vielleicht im näheren Umfeld jemanden haben, der gerade in einem Burn-out steckt, lege ich nur eines ans Herz: Hört einfach nur zu. Nicht um zu antworten, sondern um zu verstehen. Und zwar dann, wenn er es will!


Fröhlichst

Dein André



 
 
 

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